Textmultiversum

Die unendlichen Weiten der Lesefreude


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Es begann schon vor Adam und Eva…

Michael Byrnes: The Genesis Plague. London: Simon & Schuster 2010. 419 Seiten, 10,48 Euro (Taschenbuch; auch als E-Book erhältlich).

Die Zutaten dieses Thrillers sind der Irak als Schauplatz, ein Trupp Marines, einige Söldner, eine Archäologieprofessorin und ein fanatischer amerikanischer Pastor. Letzterer hat sich zum Ziel gesetzt, den islamistischen Terror zu vernichten, und will dies erreichen, indem er einen großen Teil der muslimischen Bevölkerung durch ein Virus ausrottet. Besagtes Virus wurde von ihm bei einer archäologischen Ausgrabung in einer irakischen Höhle entdeckt, die sich – oh Wunder – als das Grab Liliths entpuppt, jener sagenumwobenen ersten Frau Adams, die wegen ihrer Aufsässigkeit aus dem Paradies vertrieben wurde, bevor Ersatz in Form von Eva nahte.

Lilith nämlich war einst nach ihrer Verbannung vor ca. 6000 Jahren aus der Wildnis zurückgekehrt und brachte dabei eine geheimnisvolle Seuche mit, die nur Männer auf grausame und sehr blutrünstige Weise tötet, während Frauen lediglich als Überträger fungieren. Wie praktisch für Prediger Randall Stokes, dass er während der Erforschung seiner Ausgrabungsfunde feststellt, dass die geheimnisvolle Seuche, die er später die „Genesis Plague“ nennt, nur Männer arabischer Abstammung befällt, da das Virus an eine spezifische genetische Ausstattung des Opfers andockt (!).

Stokes entwickelt einen genialen Plan – er züchtet eine Horde infizierter Ratten, die er in der irakischen Höhle durch ein ausgeklügeltes ferngesteuertes System gefangen hält und zu einem festgesetzte Zeitpunkt auf die Menschheit (bzw. deren arabischstämmigen Teil) loslassen will. Nur gut, dass Agent Thomas Flaherty von der paramilitärischen Organisation GSC ihm in letzter Sekunde mit Hilfe der Archäologin Brooke Thompson das Handwerk legen kann.

Wie man sieht, greift Michael Byrnes in seinem Thriller sehr tief in die mythologische Mottenkiste. Ein derart wüstes Komplott gegen die arabische Welt darf man wohl auch nur als amerikanischer Autor ungestraft in die Welt setzen. Zwar distanzieren die US-Soldaten und Söldner sich am Ende von diesem Vorhaben und verhindern ja auch dessen Umsetzung, dennoch sind die Fronten in diesem Buch sehr klar, und etwas Schwarzweißmalerei gehört definitiv zu den Charakteristika der Story. Wenn man in der Lage ist, darüber hinwegzusehen, gibt der Band eine durchaus spannende Lektüre ab, aber als aufgeklärter und gebildeter Leser sollte man nicht vergessen, dass die Realität etwas differenzierter aussieht.


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Den Letzten fressen die Schweine

Elisabeth Herrmann: Das Dorf der Mörder. München: Goldmann 2013. 480 Seiten,19,99 Euro (Gebundene Ausgabe; auch als Taschenbuch, E-Book und Hörbuch erhältlich).

Elisabeth Herrmann versteht zweifelsohne ihr Handwerk. Bei ihrem neuen Thriller „Das Dorf der Mörder“ ist es der mehrfachen Literaturpreisträgerin gelungen, die Spannung von der ersten bis zur letzten Seite aufrechtzuerhalten. Anders als bei so vielen Kriminalromanen besteht der Reiz des Showdowns am Ende auch nicht nur noch in Action, nachdem das Rätsel lange gelöst ist (leider ein Fehler vieler Thrillerautoren), sondern man erfährt tatsächlich auch erst auf den letzten paar Seiten das volle Ausmaß der verübten Verbrechen und deren genauen Zusammenhang.

Generell ist dieser Roman ein wenig anders aufgebaut als ein „typischer“ Krimi. Schon frühzeitig im Verlauf des Geschehens wird eine Verdächtige gefasst, die sogar gesteht. Auch der Tathergang kann einigermaßen lückenlos aufgeklärt werden: Tierpflegerin Charlotte Rubin hat einen Zoobesucher mit einem Medikament gelähmt und ihn daraufhin den Wildschweinen zum Fraß vorgworfen – eine bestialische Tat, die ihresgleichen sucht. Doch das Motiv fehlt, denn Charlie Rubin schweigt beharrlich.

Der Reiz des Krimis besteht hauptsächlich darin, wie der Psychologe Jeremy Saaler und die ehrgeizige junge Polizistein Sanela Beara jeder auf ihre Weise die offizielle Version anzweifeln und versuchen, Licht in das Dunkel zu bringen. Beide geraten letztendlich in Lebensgefahr: Jeremy, weil er sich mit der charismatischen, aber offensichtlich schwer traumatisierten Schwester Charlies einlässt, und Sanela, weil sie auf eigene Faust gegen den Willen ihres Chefs zu Ermittlungen in das brandenburgische Heimatdorf Charlie Rubins aufbricht. Denn dort lauert in der Vergangenheit ein furchtbares Verbrechen, von dem irgendeine geheimnisvolle Linie in die Gegenwart zum Mord an dem Tierparkgast führt.

Wie die anderen Romane von Elisabeth Herrmann ist auch „Das Dorf der Mörder“ kürzlich verfilmt worden. Den Genuss der Lektüre sollte man sich dennoch auf keinen Fall entgehen lassen, denn dieser ungewöhnliche, packende Thriller verschafft einige Stunden Nervenkitzel der Extraklasse! Flüssig und stilsicher geschrieben, mit komplexen und glaubwürdigen Charakteren, enthüllt die Geschichte Schritt für Schritt ein haarsträubendes Verbrechen aus der Vergangenheit, dessen langen Schatten keiner der Beteiligten entfliehen kann.

 


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Europa in Bewegung – Ein Panorama der spätantiken Migrationen

Hubert Fehr/ Philipp von Rummel: Die Völkerwanderung. Stuttgart: Theiss 2011 (Theiss WissenKompakt). 175 Seiten, ca. 100 Abbildungen, 19,95 Euro (broschiert).

Nicht erst seit Felix Dahn und seinem Monumentalroman „Ein Kampf um Rom“ von 1876 stellen viele sich die Völkerwanderung so vor: Blonde Hünen mit flatterndem Haar und langen Bärten überrennen die zivilisierte römische Welt und zerstören alles, was nicht niet- und nagelfest ist – die Folge: Untergang des römischen Reiches.

Die Realität sah indessen wohl etwas anders aus. Allein der Begriff „Völkerwanderung“ ist problematisch, suggeriert er doch, dass homogene Volksgruppen sich am einen Ende Europas bzw. Eurasiens aufmachten, den Kontinent durchwanderten und sich im Westen niederließen, in mehr oder weniger der gleichen Zusammensetzung, wie sie aufgebrochen waren. Die neuere Forschung neigt jedoch mehr und mehr zu der Ansicht, dass eine solche Wanderung in dieser Form nie stattgefunden hat.

Die herumziehenden Gruppen waren erstens keine homogenen Ethnien, die sich z.B. durch die gleiche Sprache oder Herkunft auszeichneten, sondern die Zusammensetzung änderte sich laufend; eine Art Gruppenidentität formte sich oft erst während der Migrationsprozesse aus. Zweitens lässt sich der Untergang des römischen Reiches nicht monokausal auf die Invasion der Barbaren zurückführen – hier kamen viele Faktoren zusammen, die migrierenden Gruppen waren nur einer davon. Zudem waren viele Barbaren – was nicht etwa „unzivilisiert“ bedeutet, sondern eigentlich nur „nichtrömisch“ – bereits seit langem in die römische Welt integriert und kamen bei weitem nicht alle invasionsartig von außerhalb der römischen Grenzen über das Reich hergefallen. Viele Barbaren waren sogar berühmte Heermeister in Diensten Roms, wie z.B. Odoaker, Stilicho oder Alarich.

Ebenso führen Begriffe wie „die Goten“ oder eine pauschale Gegenüberstellung von „Germanen vs. Römer“ in die Irre. Es gab die ganze Spätantike hindurch eine Vielzahl von Gruppierungen mit wechselnden Loyalitäten; die Vorgänge sind im Einzelnen oft sehr komplex und lassen sich nicht durch Pauschalisierungen oder vereinfachende Dichotomien erfassen.

Zumeist stehen Westeuropa und die aus östlichen Teilen des Kontinents eingewanderten Bevölkerungsgruppen im Fokus der Geschichte der Völkerwanderung. Fehr und von Rummel erweitern jedoch den Blick und lenken die Aufmerksamkeit auch auf weitere Migrationen, die ebenfalls zum Gesamtbild gehören, wie z.B. die Vorgänge auf den britischen Inseln oder die Vandalen in Nordafrika. Zudem weisen sie darauf hin, dass das römische Reich keineswegs in der Spätantike vollends unterging: Der östliche Teil mit Konstantinopel als Zentrum existierte weiter bis zu dessen osmanischer Eroberung im Jahr 1453.

Auf diese Weise entsteht ein vielschichtiges Panorama, das verschiedenste Facetten der sogenannten „Völkerwanderungszeit“ beleuchtet. Der Band setzt dabei wenig historische Vorkenntnisse voraus und lockert seine Darstellung durch reiches Bildmaterial sowie Exkurse zu diversen Themenaspekten auf. Das Buch ist zum ersten Einlesen ins Thema und für die Aneignung eines Überblicks hervorragend geeignet. Wer Lust auf mehr hat, bekommt am Ende Hinweise auf weiterführende Literatur. Ein rundum gelungener Band!


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Kampf gegen die Angst

Borwin Bandelow: Das Angstbuch: Woher Ängste kommen und wie man sie bekämpfen kann. Reinbek: Rowohlt 2006. 384 Seiten, 9,99 Euro (Taschenbuch; auch als gebundene Ausgabe und E-Book erhältlich).

Das Buch fällt mit seinem Erscheinungsdatum 2006 (E-Book-Ausgabe 2009) aus dem hier gesetzten Zeitrahmen aktueller Publikationen heraus. Es verdient aber eine Besprechung, da Ängste neben Depressionen sicherlich zu den häufigsten psychischen Störungen gehören und damit ein gesamtgesellschaftliches Phänomen sind, das an Relevanz eher zu- als abnimmt.

Beim Stichwort „Störung“ fängt das Problem allerdings schon an: Ab wann ist Angst keine normale Reaktion mehr, sondern krankhaft? Von dieser zentralen Frage geht auch der Psychiater Borwin Bandelow aus. Seine Antwort ist hingegen kritisch zu sehen, da sie um die Unterscheidung von „begründet“ und „unbegründet“ kreist. Zumindest aus Sicht der Betroffenen ist dies nicht nur wenig hilfreich – wann hätte der Hinweis, eine Angst sei „irrational“, jemals geholfen? -, sondern impliziert zudem eine Bewertung ihrer Gefühle. Bezeichnet man die Emotionen eines Menschen als ungerechtfertigt, nimmt man ihn nämlich nicht ernst, sondern macht sich schlimmstenfalls über ihn lustig.
Zudem kann die Frage, ab wann eine Angst unbegründet ist, wohl kaum objektiv beantwortet werden. Nehmen wir als Beispiel die Hundephobie. Sicherlich ist es ungerechtfertigt, von einem Chihuahua zu befürchten, er würde einen zerfleischen. Wenn aber ein wütender Kampfhund auf einen zugestürmt kommt, sieht das schnell ganz anders aus. Generell bringt es in diesem Fall nichts, zu behaupten, eine Hundephobie sei einfach ungerechtfertigte Angst vor Hunden. Das ist zu schwammig und in der Praxis nicht trennscharf genug. Der Hundephobiker hat ebenso Angst vor dem Yorkshire-Terrier wie vor der Deutschen Dogge, und es hilft ihm nicht weiter, im Einzelfall zu überlegen, ob seine Angst begründet ist oder nicht.

Hier verbirgt sich übrigens der positive Aspekt der Angst, auf den Bandelow zu Recht hinweist, nämlich ihre Schutzfunktion. Es ist falsch, Angst grundsätzlich zu verteufeln, denn sie hat einen evolutionären, das Überleben der Spezies sichernden Sinn: Das Individuum, das Angst hat, kann angesichts von Gefahren Sicherheitsmaßnahmen ergreifen (z.B. Kampf, Flucht oder Vorsicht). Auf einen abgerichteten Kampfhund in dem Glauben zuzugehen, dass er ein liebes Streicheltier ist, wäre nicht nur naiv, sondern unter Umständen lebensgefährlich.

Es ist ein grundlegendes Charakteristikum der Angst, dass sie auch irrationale Anteile hat. Daher kann es nicht zum Erfolg führen, wenn man versucht, ihr ausschließlich mit rationalen Kriterien wie „begründet“ versus „unbegründet“ zu begegnen. Noch größer wird das Problem, wenn man es mit tatsächlich zweifelsfrei begründeten Ängsten zu tun hat. Sagen wir, eine Person hat Angst, dass bei ihr eine in der Familie verbreitete, unbehandelbare und zum Tod führende Erbkrankheit ausbricht (oder, um ein noch drastischeres, aber aktuelles Beispiel zu wählen: ein Einwohner von Fukushima hat Angst vor den Spätfolgen von Verstrahlung). Bandelow würde hier wahrscheinlich sagen, dass es sich um eine begründete Angst handelt und damit keine pathologische Störung vorliegt. Das ist sicherlich zum Teil richtig, da die Angst in diesem Fall eine normale Reaktion auf eine objektiv bedrohliche Situation ist. Wenn die Angst aber so sehr in den Vordergrund tritt, dass keine normale Lebensbewältigung mehr möglich ist, ist sie in jedem Fall behandlungsbedürftig. Insofern wäre es vielleicht sinnvoll, dann von einer „Störung“ zu sprechen, wenn die Angst den alltäglichen Lebensvollzug maßgeblich einschränkt, anstatt sich auf die ungenauen und die Betroffenen abwertenden Kriterien „gerechtfertigt“ oder „ungerechtfertigt“ zurückzuziehen, die keinerlei objektive – und damit wissenschaftlich begründbare – Einteilung erlauben. In keinem Falles würde es reichen, wenn der Psychiater in unserem Beispielfall den Angstpatienten mit den Worten bescheidet: „Sie haben Recht, das ist eine begründete Angst“, und ihn dann nach Hause schickt (wie in einem ähnlichen Fall im Bekanntenkreis der Rezensentin übrigens tatsächlich geschehen, man glaubt es kaum).

Es passt ins Bild, dass Bandelows Tonfall oft allzusehr ins Flapsige abgleitet. Wenn Bandelow einen Patienten, der an einer generalisierten Angststörung leidet, mit den Worten „geboren, um sich Sorgen zu machen“ beschreibt, dann zeugt das nicht unbedingt von Respekt, sondern ist verletzend. Von einem Arzt sollte man etwas anderes erwarten dürfen. Mann könnte die zugegebenermaßen schwere Materie sicherlich auch für Laien verstehbar machen, ohne auf dieses Niveau zu fallen.

Etwa bei der Hälfte macht das Buch jedoch eine überraschende Wandlung durch – der Tonfall wird etwas objektiver (ohne dass Bandelow sich den einen oder anderen Witz ganz verkneifen kann) und informiert relativ sachlich und durchaus interessant über die medizinischen Hintergründe von Angststörungen. Es werden eine Reihe von Hypothesen zu ihrer Entstehung vorgetragen und mit eigenen Studien des Autors verglichen. Dabei ergibt sich, dass landläufige Überzeugungen, die negativen Kindheitserlebnissen oder falscher Erziehung maßgeblich die Schuld an späteren Angsterkrankungem geben, mit Vorsicht zu genießen sind. Neuere Forschungen deuten darauf hin, dass diese Faktoren zwar eine gewisse Rolle spielen, aber überschätzt wurden, wohingegen die Vererbung einen überraschend hohen Stellenwert einnimmt. Dies konnte u.a. durch Zwillingsstudien nachgewiesen werden. Die Zusammenhänge sind allerdings noch nicht vollständig geklärt, z.B. auch was die neurophysiologischen Gegebenheiten betrifft.

Der letzte Abschnitt widmet sich der Bekämpfung von Angststörungen. Hier werden sowohl verschiedene Formen der Psychotherapie (Psychoanalyse, Verhaltenstherapie u.a.) beleuchtet als auch die gängigsten Formen medikamentöser Behandlung erläutert. Dabei räumt der Autor mit verbreiteten Vorurteilen über Psychopharmaka auf. Von besonderem Interesse sind dabei die Ausführungen über die Wirksamkeit verschiedener Therapieansätze, wobei auch die Alternativmedizin erwähnt wird (die allerdings bei Bandelow nicht gut wegkommt). Abschließend wird thematisiert, was Betroffene selbst dazu beitragen können, ihre Ängste einzudämmen. Hier muss allerdings kritisch angemerkt werden, dass manche der Tipps mehr als hanebüchen wirken. In diese Kategorie gehört z.B. „Lachen Sie, auch wenn Ihnen zum Weinen zumute ist“ – das klingt dann doch etwas zu sehr nach Küchenpsychologie aus der Frauenzeitschrift. Noch schlimmer ist der Rat, sich nicht so wichtig zu nehmen. Doch – auch und gerade, wenn ich eine psychische Erkrankung habe, muss ich mich selbst wichtig nehmen, damit ich für meine Bedürfnisse einstehen kann. Des weiteren sollen Sozialphobiker nach Bandelow Durchsetzungsfahigkeit trainieren, indem sie jemand anderen, der sich z.B. N der Kasse im Supermarkt vordrängelt, „hemmungslos ankeifen“. Das bedarf wohl keines weiteren Kommentars. Zwar folgt der Hinweis, man solle in Phase II des Selbsttrainings, nämlich den eigenen Angehörigen gegenüber selbstbestimmt aufzutreten, Überreaktionen wie unkontrolliertes Schimpfen vermeiden, vorher müssen aber anscheinend ein paar Fremde dran glauben. Nun ja.

Ein Glossar mit Fachbegriffen sowie ein Anhang mit Tests für eine erste Selbsteinschätzung zu eigenen möglichen Angsterkrankungen runden den Band ab, die Tests können aber selbstverständlich keine ärztliche Diagnose ersetzen.

Fazit: Man kann in diesem Buch durchaus einiges über Ängste lernen. Allerdings gleitet Bandelow durch sein Bemühen, nicht zu wissenschaftlich zu formulieren, mit seinem locker-flockigen, unernsten Stil zu häufig ins andere Extrem ab. Etwas mehr Sachlichkeit hätte dem Band gut getan; der Praxiswert des Buches ist allerdings relativ hoch, auch wenn andere Publikationen an Bewältigungsstrategien sicherlich mehr zu bieten haben. Dieses Manko begrifft besonders den Umgang mit begründeten Ängsten, die so überhand nehmen, dass sie die betroffenen Menschen stark einschränken (s.o.): Für diese Fälle hat Bandelow leider überhaupt keine Ratschläge parat, das vielleicht größte Defizit des Buches.


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Auf dem Pfad des Kriegers: Ein rächender Engel schwingt sich zum Richter über Leben und Tod auf

Andreas Eschbach: Todesengel. Köln: Bastei-Lübbe 2015. 541 Seiten, 9,99 Euro (auch als gebundene Ausgabe und E-Book erhältlich).

Das ist Eschbach, wie seine Fans ihn kennen und lieben: spannend von der ersten bis zur letzten Seite, und wer das Buch als Bettlektüre nutzt, hat eine gute Chance auf zu wenig Nachtschlaf. Der 2013 erstmals erschienene Roman ist jetzt auch als Taschenbuch erhältlich.

Das Thema, mit dem Eschbach sich beschäftigt, ist allerdings ein heißes Eisen: Es geht um den Schutz von Gewaltopfern. Viele Menschen in unserer Gesellschaft haben den Eindruck, dass der Staat sich zu sehr auf die Täter konzentriert, aber nicht, um sie möglichst effektiv und abschreckend zu bestrafen, sondern um sie zu rehabilitieren und zu reintegrieren. Oftmals werden ein schwieriger sozialer Hintergrund oder mangelnde Bildungschancen als Auslöser für die Gewaltkarrieren gerade von Jugendlichen angeführt, nicht selten gar als eine Art Entschuldigung oder zumindest mildernde Umstände angeführt. Der Opferschutz tritt demgegenüber manchmal in den Hintergrund. Die Opfer, zuweilen lebenslang körperlich geschädigt und traumatisiert, müssen schlimmstenfalls noch mit einer Anklage rechnen, wenn ihre Notwehr zu schweren Verletzungen des Angreifers führt; gleiches gilt für Unbeteiligte, die helfend eingreifen wollen. Zivilcourage wird durch diesen Sachverhalt nicht gerade gefördert.

Eine der Hauptfiguren von Eschbachs Roman, der Journalist Ingo Praise, kann und will sich damit nicht abfinden. Der Opferschutz ist sein Lebensthema. Als plötzlich in der Stadt ein Mann sein Unwesen treibt, der bei Gewaltverbrechen wie aus dem Nichts auftaucht, die Täter erschießt und spurlos wieder verschwindet, sieht Ingo seine Stunde gekommen und nimmt sich der Berichterstattung an. Schnell wird die geheimnisvolle Gestalt als „Racheengel“ in den Medien bekannt, berichten Zeugen und Überlebende doch einstimmig, sie habe wie ein strahlend weißer Engel ausgesehen. Dies wird anfangs von der Polizei bezweifelt, schließlich aber durch ein Amateurvideo bewiesen.

Ingo, der bisher ein trostloses, unterbezahltes Dasein als freier Journalist geführt hat, bekommt seine große Karrierechance. Er kann bei einem Fernsehsender eine neue TV-Show mit dem Titel „Anwalt der Opfer“ moderieren. Von nun an geht es mit seinem Leben bergauf, es winken Geld und Anerkennung. Aber dann nimmt der Racheengel mit Ingo persönlich Kontakt auf – kann das gut gehen?

Wie in den meisten von Eschbachs Thrillern, gibt es auch hier mehrere Handlungsstränge mit unterschiedlichen Personen. Da ist die Übersetzerin Victoria Thimm, die schon seit Jahren das Haus nicht mehr verlassen hat. Grund dafür sind Panikattacken, die sie seit einem lange zurückliegenden Verbrechen quälen. Die Krankenschwester Theresa Diewers, die heimlich Morphium führ ihren kranken Bruder unterschlägt, ist ebenfalls in den Fall verstrickt, wovon sie zunächst nichts ahnt. Auch Evelyn Sassbeck, die Schwiegertochter eines der Opfer, und ihr Sohn Kevin werden in die Geschehnisse hineingezogen. Der Pfarrer Peter Donsbach, der schon lange seinen Glauben verloren hat, könnte Entscheidendes zur Lösung des Falls betragen, fühlt sich aber durch das Beichtgeheimnis gebunden. So stochert Polizist Justus Ambick, der mit der Aufklärung des Falls betraut ist, zunächst im Dunkeln.

Schnell bilden sich zwei Fronten: die einen, angeführt von Ingo Praise mit seiner Opfershow als Plattform, sympathisieren mit dem Racheengel, die anderen, verkörpert durch den charismatischen, aber eingebildeten Staatsanwalt Ortheil, weisen auf die zivilisatorischen Errungenschaften des modernen Strafrechts hin, das Selbstjustiz strikt verbietet und nur zu einer Spirale der Gewalt führt.

Am Ende eskalieren die Geschehnisse durch einen tragischen Zufall auf unvorhergesehene Weise. Für manche der Beteiligten gibt es ein Happy End. Andere stehen vor den Trümmern ihres Lebens. Allen Personen aber ist eines gemeinsam: Die Ereignisse um den Racheengel werden sie ewig verfolgen.


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Politikersprech: Die Kunst, mit vielen Worten wenig zu sagen

Hanno Beck, Aloys Prinz: Bullshit Economics. München: Hanser 2015. 3,99 Euro (E-Book).

Die Reihe „Hanser Box“ präsentiert alle 14 Tage ein aktuelles Sachthema oder einen belletristischen Text in kurzer Form zum günstigen Preis. So kommt auch diese Gesellschaftskritik mit 69 Seiten relativ schmal daher. Umso vollmundiger ist der Titel: Hier muss wieder einmal die Fäkalsprache herhalten, die offenbar immer gesellschaftsfähiger wird. Auf den Buchtiteln tummeln sich allerorten Exkremente, Arschlöcher und was die deutsche Sprache sonst noch so an Unflätigem zu bieten hat. Das muss man nicht gut finden. Für Beck und Prinz ist es allerdings die zentrale Metapher, auf der ihr ganzes Buch aufbaut, und zwar ausgehend von der Idee des Bullshit-Bingos, wie es einst bei der Rede von Al Gore am MIT gespielt wurde. Die Studenten hielten fest, wie viel leere Phrasen, Worthülsen und bedeutungslose Leerformeln Gore ihnen zumutete. Längst ist die Idee auch in Deutschland angekommen – hier kann man sich mit dem „Merkel-Phrasomat“ eine maßgeschneiderte Rede für jeden Anlass zusammenbasteln, garantiert sinnfrei. Das nämlich verstehen die Autoren unter „Bullshit“: inhaltsleeres Geschwätz, das entweder gar nichts aussagt oder die wahren Tatsachen verschleiert und verzerrt.

Es werden sechs Strategien zur Generierung von Bullshits identifiziert:

  1. Man selektiert Fakten und Expertengutachten, so dass sie die eigene Überzeugung unterstützen (Beispiel: Ein Politiker zitiert nur diejenigen Studien, die seine Argumentation untermauern, und ignoriert gegenteilige Untersuchungen).
  2. Man instrumentalisiert gezielt Emotionen, um eine sachliche Diskussion zu vermeiden (Beispiel: Man wirbt für eine Initiative, indem man Bilder von niedlichen Tieren oder misshandelten Kindern benutzt).
  3. Man verwendet anstelle von neutralen, objektiven Aussagen normative Setzungen, die ausdrücken, wie etwas der eigenen Meinung nach sein sollte (Beispiel: „Es gibt zu viele Millionäre in Deutschland“ statt „Es gibt 1,14 Mio Millionäre in Deutschland“).
  4. Man setzt Metaphern ein, die sich gut anhören, bei näherer Betrachtung allerdings inhaltsleer oder sogar unsinnig sind (z.B. „Quantensprung“ – genau genommen ein sehr kleiner Sprung, wird aber immer für einen sehr großen Schritt gebraucht).
  5. Man bezeichnet Maßnahmen als „alternativlos“ und verhindert dadurch von vorneherein jede Diskussion möglicher anderer Wege zum Ziel.
  6. Man rechtfertigt Dinge im Nachhinein, indem man ein Ergebnis als genau das verkauft, was man angeblich beabsichtigt hat – wie ein Schütze, der in die Wand schießt und nachträglich eine Zielscheibe um den Einschuss herum zeichnet. So lässt sich jede Niederlage später als Sieg verkaufen.

 

Die Analysen sind dabei durchaus scharfsichtig, manchmal zynisch, aber stets realistisch und mitunter auch mit einem humorvollen Augenzwinkern garniert. Die Ökonomen Beck und Prinz erheben ausdrücklich nicht den Anspruch, Patentlösungen zu bieten. Der letzte Teil des Büchleins unter dem Titel „Gibt es Hoffnung?“ versteht sich eher als eine Sammlung von Denkanstößen – wie z.B. die Renten und Diäten der Politiker an die allgemeine Renten- und Lohnentwicklung zu koppeln oder eine Art Wirksamkeitskontrolle für Gesetze zu implementieren. Die Autoren können nicht die deutsche Politik neu erfinden. Das wollen sie aber auch gar nicht, und vor allem sind sie selbstkritisch genug, auch bei ihren eigenen Vorschlägen anzuerkennen, dass jede Medaille zwei Seiten hat, sprich: dass auch Ideen, die sich zunächst reizvoll anhören, in der praktischen Umsetzung mit manchen Stolpersteinen zu kämpfen haben.
Grundlegende oder fundierte Diskussionen darf der Leser von diesem Band nicht erwarten, wohl aber einige Stunden anregender Lektüre, die einen dazu ermuntert, den Verstand zu gebrauchen und kritische Fragen zu stellen. In diesem Sinne hätte das Buch allerdings besser „Bullshit Politics“ heißen sollen, denn um genuin wirtschaftliche Fragestellungen, also „Economics“, geht es nur am Rande. Bullshit – um die Metapher der Autoren noch einmal zu bemühen – ist dieses Bändchen jedenfalls keineswegs, sondern wohltuender Klartext.


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Schachmatt unter der Mitternachtssonne

Arnaldur Indriðason: Duell. Island Krimi. Köln: Bastei Lübbe 2015. 432 Seiten, 9,99 Euro (Taschenbuch, auch als gebundene Ausgabe und E-Book erhältlich).

Dieser Kriminalroman kommt genauso spröde und kantig daher wie seine Hauptfigur, die ermittelnde Kommissarin Marian Briem.

Ein Teenager wird im Spätsommer 1972 während einer Kinovorführung erstochen. Erste Indizien ergeben sich, als bekannt wird, dass der Junge einen Kassettenrekorder mitgebracht haben soll, um die Tonspur des Films mitzuschneiden. Doch sowohl das Aufnahmegerät als auch die Kassetten sind spurlos verschwunden – der Mörder muss sie an sich genommen haben. Hatte der Junge außer dem Filmton auch unversehens noch etwas anderes aufgezeichnet, das nicht für fremde Ohren bestimmt war?

Marian Briem macht sich an die Aufklärung und tritt schon bald einigen Personen auf die Füße, die über ihre Einmischung alles andere als begeistert sind. Das stört die Kommissarin allerdings nicht, denn mit ihrer rigiden und nicht besonders freundlichen Art eckt sie ohnehin des Öfteren an. Das hat anscheinend etwas mit ihrer Vergangenheit zu tun. In verschiedenen Rückblenden erfährt man, dass Marian in der Nachkriegszeit als verstoßenes uneheliches Kind aufwuchs und aufgrund einer Tuberkuloseerkrankung lange in einer dänischen Lungenheilanstalt einquartiert wurde.

In den Zeiten, bevor Tuberkulose mit Antibiotika geheilt werden konnte, waren die Behandlungsmethoden oft recht brachial. Sie führten mitunter zu schweren Entstellungen und lebenslangen Folgeschäden. Das bleibt Marian zwar erspart, nicht aber ihrer Freundin Katrín, mit der sie später eine jahrzehntelang andauernde Liebesbeziehung verbindet.

Die Rückblenden zu Marians problematischer Kindheit im Sanatorium lassen den Leser zwar ansatzweise nachvollziehen, dass Marian auf diese traumatische Erfahrung in ihrem Leben offensichtlich mit einer gewissen Verschlossenheit und Sprödigkeit reagiert hat. Darüber hinaus bleibt der Charakter dieser etwas wortkargen und im zwischenmenschlichen Umgang nicht immer geschickten Frau allerdings ziemlich im Dunkeln.

Das liegt nicht zuletzt an dem steifen, wenig lebendigen Schreibstil des Autors. Ab und an gelingt ihm eine poetische Formulierung, aber insgesamt hätte man sich eine geschmeidigere und abwechslungsreichere Ausdrucksweise gewünscht. Möglicherweise ist dies auch zum Teil der Übersetzung geschuldet – das muss hier offen bleiben. Man erfährt selten oder nie, was Marian bewegt, worüber sie nachdenkt. Die ungeschliffenen, manchmal etwas abgehackten Unterhaltungen zwischen den Personen gehen kaum jemals über eine sachliche Erörterung des Mordfalls hinaus. Charismatische Figuren und lebendige Dialoge sucht man meist vergebens. Eher wirkt das eine oder andere etwas skurril, aber das hat auch mit dem typischen skandinavischen Umgangston zu tun, der auf dem für uns Deutschen ungewohnten Du beruht.

Nicht einmal der Showdown wirkt besonders temporeich, sondern etwas blutleer und schwerfällig. Es geht  zudem ein wenig auf die Nerven, dass immer wieder genau beschrieben wird, auf welcher Straße sich jemand gerade befindet und wo er oder sie abbiegt. Für den nicht mit Reykjavik vertrauten Leser sind solche Informationen natürlich vollkommen redundant.

Die Auflösung des Falls – so viel muss man Indriðason zugute halten – ist einigermaßen geschickt konstruiert, wenngleich nicht vollkommen überraschend, da schon ganz am Anfang Hinweise in die entsprechende Richtung gegeben werden. Die Handlung spielt vor dem Hintergrund des Kalten Krieges. In Reyjkjavik findet ein Schachwettkampf zwischen dem amtierenden Weltmeister aus Russland und seinem US-amerikanischen Gegenspieler statt. Politische Spannungen sind vorprogrammiert, und diese nehmen auch im Hintergrund des Mordes eine wesentliche Rolle ein.

Ab und zu vergisst man, dass der Roman 1972 spielt, und wundert sich über geradezu „vorsintflutliche“ Kriminaltechnik und angestaubte weltpolitische Einstellungen. Sicherlich hätte man gerade diesen Aspekt auch etwas spannungsreicher aufbereiten können, denn über 25 Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs ist möglicherweise vielen (vor allem jüngeren) Lesern nicht mehr gegenwärtig, wie sehr die Welt damals in zwei Lager gespalten war. Der Roman nimmt dies allerdings als selbstverständliche Folie an und problematisiert es kaum, anstatt diesen Punkt stärker für eine lebendige historische „Hintergrundtapete“ zu nutzen.

Befremdlich ist übrigens auch das Ende. So wird Marian auf der letzten Seite von einem neuen Kollegen angesprochen, der ihr einen Umschlag von der Verkehrspolizei übergibt. Ob wir im nächsten Band der Reihe erfahren werden, was es damit auf sich hat? In diesem Falle wäre das ein klassischer Cliffhanger. Seltsam ist es aber allemal. (Es sei denn, der Rezensentin wäre etwas Wichtiges entgangen.)

Zusammenfassend bleibt zu sagen, dass es in der illustren Schar skandinavischer Krimischriftsteller durchaus Packenderes gibt als diesen Roman von Arnaldur Indriðason. Ähnlich sang- und klanglos, wie das Schachduell endet – der Russe gibt auf – lässt sich auch dieser Fall zu den Akten legen.